Die Wut – ein belastendes Gefühl für Viele

In meiner Praxis als Psychotherapeut treffe ich oft auf Menschen, für die es schwierig ist, mit der Wut zu sein. Die Wut ist eines unserer sogenannten Grundgefühle, die wir alle kennen, wie zum Beispiel auch die Freude und die Angst. Und trotzdem erlauben wir es uns manchmal nicht, wütend zu sein.

Das bedeutet für den Betroffenen/die Betroffene einen Verlust von Kraft und Energie, weil die Wut – nicht zu verwechseln mit Raserei (blinder Wut) – eng verwandt ist mit dem Willen, nach etwas zu greifen, das man gerne haben will, das zu tun, das getan werden soll und das zu sagen, das gerne gesagt werden will. Das alles zusammen ist etwas, dass man auch gesunde Lebensenergie nennen könnte. Wenn die Wut nicht okay ist, dann kann sich das so anfühlen, als ob man Zuschauer seines eigenen Lebens wäre, wie einer oder eine, der/die da sitzt und beobachtet, was auf der Bühne vor sich geht, anstatt dass er oder sie selbst auf der Bühne steht. Man kann auch in eine gewohnheitsmässige Opferrolle verfallen – oft unbewusst – weil man in solchen Fällen sein eigenes Leben nicht genügend selbst steuert.

Wenn etwas schwierig ist, gibt es einen Grund dafür und was die Wut anbelangt, können es verschiedene Gründe sein. Viele haben als Kind nicht die Erlaubnis erhalten, wütend zu sein und schon gar nicht über die Eltern. Entweder war dies ausdrücklich verboten („Sei jetzt lieb!“), oder man wurde mit einer so starken Gegenreaktion konfrontiert, dass man die Lust verlor, es ein anderes Mal zu versuchen. Oder vielleicht wurde man ganz oder teilweise auf Eis gelegt, wenn man sich und seine Manieren vergass. Ein entsprechender Blick der Mutter oder des Vater genügte, um zu verstummen.

Nicht dasselbe als zu beschimpfen

Ein anderer Grund kann die verbreitete Auffassung sein, dass Wut notgedrungen das Beschimpfen oder Ausrufen beinhaltet oder dass man jähzornig wird und die Kontrolle verliert. Wie das Wort bereits sagt, verliert man die Kontrolle über sich selber und eine solche Raserei bringt keine Befreiung – im Gegenteil: oft endet es damit, dass man sich über sich selbst schämt.

Aber die Wut, die Sie brauchen, um sich ruhig und klar auszudrücken ‘das hier, das will ich nicht‘ oder ‘damit will ich mich nicht abfinden‘ – ungeachtet, ob Sie nun etwas sagen oder nur die Wärme und die Energie dahinter bemerken, diese Wut will ihnen etwas Gutes tun und nichts Schlechtes. Die Wut kann dann als ein konstruktives Gefühl erlebt werden, wenn man sie kennen lernt, anstatt sie zu verdrängen.

Mit seiner eigenen, natürlichen Wut befreundet zu sein, wird einen nicht, wie man vielleicht glauben könnte, zu einem wutbeladenen oder negativen Menschen machen. Die Wut, die man in sich trägt ist so oder so vorhanden, unabhängig davon, ob man ihr Raum gibt oder nicht. Wenn man versucht, die Wut unter Verschluss zu halten, so findet sie trotzdem einen Ausweg. Wer hat sich nicht auch schon dabei ertappt, dass man giftige oder sarkastische Bemerkungen in einer Situation machte, in welcher man nicht negativ auffallen wollte?

”In seiner eigenen Wut zu stehen”, ohne damit etwas Besonderes anstellen zu müssen bedeutet, seine eigene Stärke zu fühlen. Und wenn Sie das Gefühl so belassen wie es ist, und nicht versuchen, ihr im Weg zu stehen, wird das Gefühl sich verändern. Das ist das Paradoxe an der Entwicklung.

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