Ich kann nicht…

Ich kann nicht um Hilfe bitten
Ich kann gegenüber meiner Partnerin/meinem Partner nicht nein sagen
Ich kann mir selbst nichts Gutes tun

Vielleicht kennst du solche Sätze aus deinem eigenen Leben. Auf jeden Fall ist es ganz normal zu merken, dass man nicht kann, sowohl in seinem Selbstverständnis als auch im Zusammensein mit anderen.

Eigentlich ist es paradox, weil man selber meistens ganz genau weiss, dass es nicht richtig ist, dass man zum Beispiel sehr wohl den Mund öffnen und Worte formulieren kann, um einen Kollegen um Hilfe zu bitten: „Ich kann dies hier nicht lösen, könntest du mir bitte einen Augenblick behilflich sein?“

Und trotzdem fühlt es sich an, als könnte man nicht. Es fühlt sich an, als ob es in diesem Augenblick unmöglich und undenkbar ist, um Hilfe zu bitten.

Versuche für dich selber eine Aussage zu formulieren, die mit „Ich kann nicht …“ startet. Überlege danach, ob das Begrenzende ausserhalb von dir oder in dir liegt. Wenn das Begrenzende in dir liegt, kannst du den Satz versuchsweise umformulieren. Du kannst den Satz starten mit ”Ich will nicht …” anstatt ”Ich kann nicht …“. Spüre, ob es sich anders anfühlt, den Satz so zu formulieren.

Vorteile und Nachteile

Wie mit allem, wenn es sich um menschliche Aspekte handelt, kann es Sinn machen, sich auf diese Weise „Ich kann nicht …“ auszudrücken und das kann sehr praktisch sein:

Es kann zum Beispiel sympathisch auf andere wirken. Dass es gut ist, so wie es ist, kann sich sicher und gut anfühlen, weil man sich selbst in den Glauben versetzt, dass man dies wegen einer anderen Person oder der Umstände wegen tut. Auf diese Weise kann man sich frei von Verantwortung fühlen. Wenn ich einfach nicht kann, so nützt es auch nichts zu versuchen, es zu ändern.

Kurzfristig fühlt sich das vielleicht besser an, als damit zu leben, dass man auf der einen Seite das Bedürfnis hat, etwas zu ändern und es auf der anderen Seite doch nicht tut. Diejenigen Rollen, die man in- und auswendig kennt, fühlen sich in der Regel richtig an, nicht zuletzt deshalb, weil man sie so gut kennt und es gleichgültig ist, ob sie in Wirklichkeit richtig sind – zum Beispiel die Rolle des Klagenden.

Auf der anderen Seite…

… ist es selbstsprechend, dass sich viel Energie und Lebensqualität zwischen „Ich kann nicht…“ und „Ich will nicht…“ versteckt. Du wirst ein intensiveres Erlebnis haben, wenn du dich deutlicher gegenüber dir selbst ausdrückst. Du erweiterst dein Bewusstsein damit, dass du die Möglichkeit hast, über jeden Augenblick selbst zu bestimmen, anstatt von aussen gesteuert zu werden. Alles in Allem wird dein Bewusstsein darin gestärkt, dass du es bist, der ist.

Beachte, dass es nicht darum geht, von ”Ich kann meine Meinung nicht sagen” zu ”Ich sollte meine Meinung sagen” zu wechseln. Damit wird die ganze Übung nur zu einem Zwang. Eine Veränderung zu „Ich will meine Meinung nicht sagen“ als Zwischenschritt gibt dir die Möglichkeit, die Tatsache zuzulassen, dass es genau so ist, wie es ist, nämlich, dass du deine Meinung nicht sagen willst. Es gibt dir die Möglichkeit auf deine Gedanken, Gefühle oder Ängste aufmerksam zu werden, die mit der jeweiligen Situation verbunden sind. Hier handelt es sich nicht um eine Kleinigkeit, denn auch scheinbar kleine Veränderungen in unserem Verhalten können Ängste und unangenehme Gefühle hervorrufen.

Der organische Weg in der Entwicklung führt nicht über den Zwang.

Jannik Bo Rasmussen

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