Seine Gefühle loswerden?

Rasende kvindeOft höre ich Aussagen wie

– Das war gut, abreagieren zu können
– Ich renne jeden Tag, das hilft mir, meine Frustration los zu werden
– Das war Zeit, meine Wut los zu werden

Das ist ganz natürlich, dass man unangenehme Gefühle möglichst los haben möchte. Ist das falsch? Nein, überhaupt nicht, wenn man sich darüber klar ist, dass dies nicht immer auch das Problem löst. Manchmal ist es genau das, was es braucht, um etwas ein für alle Male gesagt zu haben und damit hat es sich.

Aber genauso oft ist dies eine Illusion, denn das sich Luft verschaffen bringt nur eine kurzzeitige Erleichterung. Du kennst vielleicht Beispiele, in denen du sehr wütend bist, in denen es enorm gut tut, sich abzureagieren, speziell in Situationen, in denen dies auch einen Effekt auf das Umfeld hat. Und trotzdem kann es vorkommen, dass man immer und immer wieder wütend oder unglücklich über etwas ist, ohne damit richtig weiter zu kommen, auch dann nicht, wenn man sich abreagiert. Oder manchmal ist es das eine, manchmal das andere und trotzdem sieht es aus, als ob es das Gleiche ist – am einen Tag ist es der Fahrradfahrer, der vorprescht, am anderen Tag der Zug, der verspätet fährt und am dritten Tag der Computer, der verrücktspielt.

Nun schreibe ich vorwiegend um die Wut, ganz einfach, weil die Wut nach meiner Erfahrung das Gefühl ist, bei welchem man am meisten versucht ist, sie loszuwerden. Aber das gilt ebenso für andere Gefühle und Emotionen. Ich habe bisher aber noch niemanden getroffen, der seine Freude loswerden möchte.

Ein gutes Sprichwort aus dem Englischen heisst „What you resist, persists“ könnte man auf Deutsch mit „Widerstand heisst Stillstand“ übersetzen. Anders ausgedrückt, wenn du versuchst, vor etwas zu flüchten, holt es dich ein. Und deshalb ist es problematisch, vor seinen Gefühlen zu flüchten, weil du damit deine Gefühle zurückweist oder versuchst, sie loszuwerden, weil du nicht willst, dass sie da sind. Wenn du Gefühle zurückweist, kannst du sie nicht richtig im Körper wahrnehmen.

Aber Gefühle wollen nicht zurückgewiesen oder abgewiesen werden – sie wollen wahrgenommen werden, sie wollen die Erlaubnis bekommen, den Platz zu bekommen, den sie nun einmal einnehmen und sie wollen sich sehr gerne auch ausdrücken dürfen. Sie sind auf jeden Fall ein Teil von dir im jeweiligen Augenblick, weil du der Mensch bist, der du bist.

TigerUnd je mehr du ihnen erlaubst da zu sein und sie in deinem Körper wahrzunehmen, umso kleiner wird das Problem. Oft geht es nicht darum, etwas Bestimmtes zu tun, als vielmehr darum, das Gefühl vollkommen wahrzunehmen. Den besten Effekt erzielst du, wenn du dies zusammen mit einem Menschen tust, der dir in dieser Situation hilft, und der der Versuchung widerstehen kann, das Gefühl loszuwerden. Dies kann ein Freund sein, dein Partner/deine Partner oder ein professioneller Psychotherapeut. Wenn du dich beginnst, damit zu beschäftigen, wirst du feststellen, dass sich die Gefühle verändern, dass sie an Kraft verlieren, Kanten geschmeidiger werden und dass sie sich transformieren in Energie.

Wenn du also nächstes Mal ein ungewolltes Gefühl spürst, versuche dieses Gefühl willkommen zu heissen, es zu begrüssen, anstatt es loszuwerden. Atme und fühle, wie es sich anfühlt und versuche, deinen Körper mit dem Gefühl aufzufüllen. Sag zu dir selber, dass du dieses Gefühl gerne spüren/fühlen möchtest, weil es sich um dein Gefühl handelt und nicht um ein Gefühl eines anderen Menschen.

Jannik Bo Rasmussen

Facebooktwittergoogle_pluslinkedinmailFacebooktwittergoogle_pluslinkedinmail