Schuldig – aber gegenüber wem?

Wenn du dich schuldig fühlst, dann oft aufgrund dessen, dass du etwas getan hast, oder auch weil du etwas nicht getan hast. Aber oft ist es etwas komplizierter und manchmal ist nicht ganz klar, woher das Schuldgefühl stammt.

Wenn du möchtest, kannst du dir 5 – 10 Beispiele notieren, in welchen du dich – egal weshalb – schuldig gefühlt hast. Liste sowohl konkrete Beispiele, Einzelfälle oder Vorkommnisse auf, in welchen du dich wiederholt schuldig fühlst auf. Letztere kennzeichnen sich durch Gedanken wie: „Jedes Mal, wenn ich …. so fühle ich mich schuldig“. Wenn du dich an keine Situation erinnern kannst, in welcher du dich schuldig gefühlt hast, dann freue dich mit gutem Gewissen darüber.

Markiere danach auf deiner Liste diejenigen Vorkommnisse, für die es eine offensichtliche Ursache oder Erklärung für dein Schuldgefühl gibt. Zum Beispiel:

  • Du bist zu spät zu einer Verabredung gekommen
  • Du hast vergessen, etwas auf dem Heimweg einzukaufen, das du versprochen hattest
  • Du hast etwas auf den Teppich verschüttet

In diesen Beispielen war dein Verhalten zum Nachteil von jemand anderem oder du hast jemand anderen verletzt oder ihm Schaden zugefügt. Du kannst versuchen, den Schaden zu reparieren oder ihn wieder gut zu machen: „Ich werde dir einen neuen Teppich kaufen!“

convictGibt es auf deiner Liste immer noch Situationen, in welchen du dich auf der einen Seite schuldig gefühlt hast, und auf der anderen Seite nicht verstehst, weshalb? Dies hängt damit zusammen, dass du deine Schuldgefühle als eine Art Regulator empfindest, der dir hilft, Stellung zu beziehen, weshalb du etwas tust oder nicht. Wenn du deine eigenen Normen überschreitest, wirst du dich oft schuldig fühlen, auch dann, wenn andere nicht finden, dass du etwas falsch gemacht hast.

Das Schuldgefühl bedeutet in diesem Fall, dass du lediglich etwas getan hast, wozu du Lust hattest – auch wenn es dich vielleicht Überwindung gekostet hat, etwas zu tun. Du hattest zum Beispiel ein gutes Gespräch mit deinem Arbeitskollegen nach Arbeitsschluss, und du bist deshalb später nach Hause gekommen als normalerweise – und du fühlst dich nun schuldig gegenüber deinem Partner/deiner Partnerin, welche/welcher vielleicht nicht einmal bemerkt hat, dass du später als gewöhnlich nach Hause kam.

Ist es somit das Richtige, deinen unmittelbaren Impulsen und deiner Lust zu folgen oder deinen Normen? Nur du kannst darüber in der einzelnen Situation entscheiden. Aber wenn du dich oft schuldig fühlst, dann könnte es sein, dass du den Standard für dich selbst zu hoch setzt und du – wenn du möchtest – deine Normen etwas lockern kannst.

Bent Falk, ein Priester und Psychotherapeut, hat Schuldgefühle sehr treffend mit „existentielle Mehrwertsteuern“ bezeichnet. Es ist diejenige Abgabe, die du bezahlen musst, wenn du dich selbst sein willst.

Paradoxerweise kann es somit in Ordnung sein, sich schuldig zu fühlen.

Jannik Bo Rasmussen

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