Die beste Möglichkeit – damals

Wenn wir optimal funktionieren, so sind sich unsere Gedanken und Gefühle in der Sache einig und man erlebt dies auch auf diese Weise. Wenn dies so ist, dann zweifeln wir kaum daran, und wir wissen genau, dass das wirklich wir selbst sind und dazu stehen wir auch. In anderen Fällen sagt der Verstand das Eine und die Gefühle das Andere: Ich weiss, dass ich diese Aufgabe hier lösen sollte und das erscheint mir auch vernünftig zu sein, aber ich habe viel mehr Lust, in der Sonne zu liegen und zu entspannen.

Innere KonfliktIn diesem Beispiel werden sie auf ihren inneren Konflikt aufmerksam. Auch wenn dies anstrengend ist und zusätzliche Energie erfordert, so erhalten sie im Gegenzug die Möglichkeit eine Lösung für den Konflikt zu finden, eben weil sie darauf aufmerksam geworden sind, was im Inneren vorgeht. In diesem Fall könnte die Lösung sein, dass sie mit sich selber verabreden, dass es OK ist, eine Pause an der Sonne zu machen, nachdem sie eine Stunde gearbeitet haben.

Aber im wirklichen Leben sind die Dinge oft nicht so einfach, auch deshalb nicht, weil wir oft unbewusste Motive und Wünsche haben. Unser Gefühl, was richtig oder falsch für uns ist, hängt nicht nur mit unseren Gedanken zusammen, sondern auch mit unseren körperlichen Wahrnehmungen – „das fühlt sich richtig an“, wie man so schön sagt. Aber was nun, wenn es sich falsch anfühlt?

Als Erwachsener können sie Einspruch erheben, oder eine Situation oder eine Umgebung verlassen, wenn sie nicht gut ist für sie ist. Aber als Kind ist dies unmöglich. Man kann nicht einfach andere Eltern oder Geschwister auswählen. Und wenn Vater oder Mutter sie damals zum Beispiel ungerechtfertigt vor der gesamten Familie kritisiert haben, gab es nur eine Möglichkeit, nämlich das Ganze in sich hineinzufressen und die „schlechten“ Gefühle für sich zu behalten. Was kann man sonst gegen eine erdrückende Autorität unternehmen? Das ist einzig eine Frage des physischen Überlebens.

Wenn das Unterdrücken von bestimmten Bedürfnissen, Gefühlen oder Charaktereigenschaften zur Gewohnheit wird, so vergisst man mit der Zeit, dass da überhaupt etwas ist, das man vor sich selber versteckt. Um zu überleben endet dies oft damit, dass man beginnt sich mit den „Unterdrückern“ zu identifizieren, man wird gefühlslos und weist seine Bedürfnisse energisch ab, während man die dazugehörenden Gefühle nicht mehr länger fühlt.

Das Verhängnisvolle dabei ist, dass der Schmerz nicht verschwindet – man kann ihn bloss nicht mehr länger fühlen. Und auch die Tatsache, dass man etwas zurückhält, wird zur unbewussten Tat. Stattdessen glaubt man vielleicht nur, dass man sich leer fühlt, dass man sich langweilt, dass das Leben sinnlos geworden ist und man sich zuweilen von sich selbst getrennt fühlt. Das bedeutet, dass wir mehr oder weniger alle mit verschiedenen, chronischen Muskelverspannungen konfrontiert sind oder vielleicht gibt es auch einzelne Körperteile, zu denen wir nicht mehr länger einen guten, gefühlsmässigen Kontakt haben. Und das war ja auch genau das ursprüngliche Ziel, nämlich den Schmerz nicht mehr zu fühlen!

Heute – vielleicht viele Jahre später – bedeutet das leider, dass man mehr oder weniger den Kontakt zu sich selbst verloren hat. Dies auch wenn da nicht mehr länger andere Personen sind, ausser einem selbst, die einem etwas verbieten. Zudem bedeutet dies im Allgemeinen einen Verlust an Vitalität und an gefühlsmässigem Leben

Positiv aber ist, dass man etwas dagegen unternehmen kann. Alleine die Tatsache, dass man darauf aufmerksam geworden ist, dass hinter der Selbstunterdrückung etwas Gutes steckt (auf jeden Fall einmal gesteckt hat), ist für Viele eine Erleichterung. Und ungeachtet dessen, wie viele Jahre es gedauert hat, so ist es möglich, eine Lösung für das unterdrückte Leben zu finden und Zugang zu den Dingen zu erhalten, die bisher ausser Reichweite waren.

Jannik Rasmussen

 

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